Schlüsselerlebnis

Es war schwül. Einer dieser Tage an dem man fröstelnd im Bad steht, sich entsprechend kleidet und sich am Abend am ganzen Körper pappig fühlt. Das Tweed Jackett zum Beispiel, welcher Teufel hatte mich da geritten dieses Ding anzuziehen?

 

Vormittags im Hotel hatte uns die Rezeptionistin den Schlüssel ausgehändigt zum Vortragssaal. Aufgesperrt, Schlüssel in die Jackentasche, Stühle gezählt, mit der Liste verglichen, sind die Kisten mit den Unterlagen da? Wo soll der Tisch hin, wo die Barrikade für den Empfang – ich meine, hast Du schon mal gesehen wie manche Leute reinkommen? Wenn Du die nicht einfängst ist die Bude voll und die Anwesenheitsliste gähnt Dich an. Das ist dann fast so, als hätte die Veranstaltung gar nicht stattgefunden.

 

 

Kisten hier hin, Jacke ausziehen, Kisten dorthin. Steckdosen? Kabel mit Gaffa-Tape fixieren sonst bricht sich noch jemand die Knochen – oder die Referentin legt einen Slapstick hin –  vom Elektronikschrott mal ganz zu schweigen. Sind genug Handouts da, wo bleiben die Tagungsgetränke? Neigt der Service eventuell zu Schichtwechsel-Amnesie und vergeigt uns die Pause? Eines ist sicher: Gegen niedrige Blutzuckerspiegel hilft nur Blechkuchen und Butterbrezen … äh … Laugenfeingebäck. Steht das nicht parat, braut sich Randale zusammen.

 

Irgendwann steht das eine, liegt das andere, ist verzurrt, eingestöpselt und abgesprochen. Der Saal füllt sich, man schüttelt sich zurecht und der Vortrag beginnt.

 

Dann kommt dieser magische Moment, an dem die Beamerlampe erlischt, die Tagungsgetränke und der Saal geleert und nur noch hier oder dort im Gespräch versunkene Menschen, wie am Ufer eines Meers von Stühlen gestrandet ausharrend. Kisten aus den Verstecken hervorgeholt, Kabel aufgewickelt, Gaffa-Tape abgelöst, Jackett wieder angezogen, zum Auto, Jackett ausgezogen, losgefahren. Habe Nürnberg fertig, mache Regensburg. 

 

 

 

Andere Stadt, anderes Hotel, andere Rezeption. „Hier ist Ihr Schlüssel zum Tagungsraum.“ sagt sie – „Danke.“ sage ich, Schlüssel in die Jackentasche… „Ja wer bist Du denn?“

 

Und da hat mir dieser Schlüssel erzählt, wie langweilig es ihm war. Nie kam er irgendwo hin, immer nur Schublade Rezeption, Schlüsselloch Tagungsraum, Schublade Rezeption. Heute hatte er dieses gewisse Kribbeln gespürt, das er eigentlich gar nicht kannte. Dieses Tweed Jackett hatte etwas, es war wie ein Versprechen. Die große weite Welt jenseits dieses Nürnberger Hotels – plötzlich schien sie in Reichweite. Erst war es ein banges Hoffen, aber dann verdichtetes es sich zur Gewissheit. Spätestens als er im Auto unterwegs war – da wusste er, dass sein Leben für immer ein anderes sein würde. Er würde etwas von der Welt sehen, er hätte seinen Kindern etwas zu erzählen und die wiederum den Enkeln.

 

„Okay“, sagte ich, „es ist nicht viel was ich für Dich tun kann, weißt Du? Aber gut, ich zeigt Dir mal den Tagungsraum von diesem Hotel in dieser Stadt, nein, das Schlüsselloch geht leider nicht, das wäre … unpassend. Dafür zeige ich Dir aber die Aussicht aus dem Fenster und die Rezeptionistin von hier. Dann suche ich Dir einen hübschen Umschlag und Du machst eine Reise nach Nürnberg. Mit der Post, das ist spannend, sage ich Dir. Die haben da so eine Art Achterbahn wo die Briefe sortiert werden. Nein, es tut nicht weh, schau her, der Umschlag ist ganz weich gepolstert. Und die Dame in Nürnberg hat schon nach Dir gerufen, sie vermisst Dich. Also, leb wohl kleiner Ausreißer, wer weiß eines Tages vielleicht, nimmt Dich jemand mal auf eine wirklich große Reise mit …“

(Juli 2014)

Fastenzeit

Nach einem kalten Winter ist kaum etwas so ersehnt wie der Frühling. Doch der hat es in sich. Es ist ein Um- und Aufbruch, der bei vielen Menschen mit Gesundheitsproblemen verbunden ist. Wenn das Gesundheitsproblem dann zur Beeinträchtigung des Appetits führt, fällt es leichter, den Vorgaben der Fastenzeit zu folgen.

Es gibt ja nichts Gemütlicheres als ein Gespräch bei Tisch unter Freunden. Die Speisenfolge ist bei Kaffee und Nachtisch angelangt. Die Brotkrümel und sonstigen Spuren auf der Tischdecke stören niemanden, verschiedene Gläser und Wasserflaschen stehen noch da, vielleicht ist sogar noch ein kleiner Schluck Rotwein in der Flasche.

Die naheliegenden Themen sind abgehackt, der forschende Geist wendet sich den grundsätzlichen Dingen zu. Die Argumente fliegen hin und her, Ansichten werden gedreht und gewendet. Mal ist der Gesprächsbrennpunkt an einem, mal am anderen Ende des Tisches. Wenn sich das Gespräch vom eigenen Ende des Tisches gegen das andere Ende bewegt, die Worte sich zum Murmeln eines entfernten Baches verändern, dann geschehen zuweilen merkwürdige Dinge.

Mir wurde einmal erzählt, dass bei den Eingeborenen Amerikas der Glaube herrscht, es gäbe neben den großen Menschen das kleine Volk. So etwas wie Elfen oder Wichte. Die würden mal Gutes tun und mal Streiche spielen. Man könnte zwar mit ihnen ein gutes Verhältnis aufbauen, aber ganz sicher könnte man sich nie sein. Sie hätten auch ganz unterschiedliche Gestalten. Manchmal wie Menschen, manchmal … nun anders. Man könne sie auch sehen, aber nur aus den Augenwinkeln. Wenn man direkt hinschaut, verwandeln sie sich blitzschnell. In eine Pflanze, einen Stein, oder, wer weiß das schon, vielleicht auch in eine Stehlampe.

Neulich also, als der Bach in der Ferne murmelte und mein Blick durch das Fenster in den Garten schweifte, sah ich ihn. Oder war es eine sie? Zuerst dachte ich, den kennst Du doch. Die langen Ohren, der aufrechte Gang, die karierte Weste … war das eine randlose Brille – da auf seiner Nase? Alice im Wunderland? Der hatte doch eine Taschenuhr an einer dicken Kette und war furchtbar hektisch. Der hier, nein, das war er nicht. Keine Taschenuhr, bedächtiges hoppeln, aufrichten, betrachten. Mir fiel gar nicht auf, dass ich ihn direkt anstarrte. Ihm offenbar auch nicht, den, sonst, kleines Volk und so, hätte er sich ja blitzschnell in einen Zaunpfosten verwandelt. Nicht nur war mein Blick in der Ferne, plötzlich war auch mein Gehör dort. Er murmelte etwas. Dem Tonfall nach musste es eine Frage sein, aber was war der Sinn, jener Worte die ich zu hören glaubte?

Es war auf jeden Fall eine Frage. Fragen und Antworten. Zwei Dinge die scheinbar untrennbar miteinander verbunden sind. Aber wie? War als erstes eine Antwort da, die nicht verstanden wurde und deshalb eine Frage nach sich zog? Oder war es zuerst die Frage und jene Antwort war nicht vollständig? Wie auch immer, seit Anfang aller Zeit reiht sich Frage an Antwort an Frage …

Ich stelle mir vor, dass am Ende aller Zeiten das allerletzte Gespräch – wer immer auch daran beteiligt sein wird – ungefähr so geht:

„Wie spät ist es?“ – „Zu spät!“ – „?“

Plötzlich merke ich, dass mich jemand am Arm stupst: „Sag mal, wie geht es heute Deinem Ohr?“

An den Hörsturz vor einer Woche hatte ich gar nicht mehr gedacht. Eines Morgens nach dem Aufstehen hörte ich auf einer Seite kaum etwas, so als hätte ich nach dem Schwimmen Wasser im Ohr. Und ich hätte schwören können, dass die Wohnung Seegang hatte. Wer schon einmal seekrank war, weiß wie sich das anfühlt.

Man hat keinen Appetit, isst wenig und nimmt leicht ab.

Schreiben und Lesen

Neugierig war ich schon immer. Nicht in der Art, dass ich die Angelegenheiten anderer wissen wollte. Wir Menschen unterscheiden uns nicht so stark voneinander. Seltsamerweise versuchen wir meist Eigenheiten oder Zustände zu verbergen, die offensichtlich sind. Irgendwann begreift man das und dann hat man seine Neugierde für die wirklich interessanten Dinge frei. Zum Beispiel einen Schreibkurs.

Ich fand es spannend: Die für mich ungewohnte Herangehensweise und der kreative Umgang mit strukturierten Textformen versetzten mich sofort in eine spielerische Stimmung. Ein Beispiel: automatisches Schreiben – dann steht sowas auf dem Papier:

Idyllischer Ort, altes Haus. Die Zimmer neu, der Geruch von Anstalt. Krankenanstalt. Es ist kein Hotel. Der Concierge ein Sozialarbeiter, die Empfangsdame ein Mutti-Typ. Etwas müde von der Last. Der des Hauses und derjenigen des eigenen Körpers.

Die Zimmer rollstuhlgerecht. Erinnerungen an die menschliche Gebrechlichkeit. Nicht das heroisch Starke wird hier gefeiert. Die Mühsal des Lebens schaut dich an. Ein alter Haushund riecht wie ungewaschene Socken.

Einräumen, der Safe ist gesperrt vom Vorgänger. Ein simpler Schlüssel von der Rezeption öffnet ihn. Da fühle ich mich gleich etwas un-safe.

Das kann ja was werden hier, soll ich das etwa laut vorlesen?

Chinesen lächeln nicht immer. Es kann schon vorkommen, dass sie dich dorthin wünschen, wo der Pfeffer wächst. Das können sie aber schlecht sagen, weil sie ja schon dort sind. Sie sagen: „Mögest Du ein interessantes Leben haben.“

Laut vorlesen also: nehmen wir Sokrates zum Beispiel, oder Jesus Christus – die haben nichts aufgeschrieben, nur gesprochen und wie hat das geendet? Dem einen haben sie ein ungenießbares Getränk serviert und der andere … na, das wissen wir schon. Diejenigen, die es dann aufgeschrieben haben sind meistens glimpflicher davongekommen. Die konnten sich dann immer darauf hinausreden, dass sie es ja gar nicht gesagt, sondern nur aufgeschrieben hatten.

Wenn sie dann wie Jan Hus oder Martin Luther etwas aufschrieben, was sie aus dem herausgelesen hatten, was andere aufgeschrieben hatten, konnte es allerdings auch schiefgehen. Welche mächtige Institution lässt es schon ungestraft geschehen, dass an ihrer Legitimation gezweifelt wird? Von beiden wurden gefordert, dass sie widerrufen wohlgemerkt, nicht widerschreiben. Beide taten es nicht. Die politischen Umstände ihrer Zeit führten dem Einen zum Scheiterhaufen und machten den Anderen zum Gründer einer Kirche und Vorreiter einer Lebensauffassung, die viele noch heute prägt. Ein interessantes Leben, fürwahr.

Was hat es den jetzt mit dem Schreiben auf sich? Man schreibt eigentlich nur, wenn die Mitteilung mündlich nicht möglich ist. Schreiben ist die Aufzeichnung des gesprochenen Wortes, der Sinn ist die Übermittlung von Information.

Es gibt ja verschiedene Methoden, Information über Raum und Zeit zu verbreiten, immer dann, wenn diese Information nicht direkt von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Es gibt Bilderschriften wie die Hieroglyphen oder Ideogramme, Silbenschriften und eben was wir hier vor uns haben: eine alphabetische Schrift von links nach rechts. Der Abstand zwischen diesen verschiedenen Arten von Schrift ist weit größer als es zunächst scheint.

Das Schriftsystem der Hieroglyphen mit rund 7.000 Zeichen, stellt mit jedem Zeichen einen Begriff dar. Diese werden aber aus ästhetischen oder religiösen Gründen oft in anderer Anordnung geschrieben, als sie gesprochen werden. Selbst wenn man die Schrift lesen kann, muss schon einiges an Vorwissen vorhanden sein, um zu verstehen, worum es bei einer Inschrift geht. Die Schrift selbst konnte erst nach jahrzehntelanger Arbeit entschlüsselt werden. Vermutlich gelang dies nur, weil man den Teil einer Stele fand, der unter dem Namen Rosettastein bekannt wurde. Darauf war derselbe Text bruchstückhaft als Hieroglyphen, in demotischer Schrift und Altgriechisch eingemeißelt worden. Da die beiden letzteren noch bekannt waren, konnte man Rückschlüsse auf die älteste der Schriften ziehen.

Das chinesische Schriftsystem wiederum besteht aus rund 100.000 Schriftzeichen, von denen üblicherweise, je nach dem welche der chinesischen Sprachen gesprochen wird, rund 4.000 im täglichen Gebrauch sind. Die einzelnen Schriftzeichen sind grafische Darstellungen der Lautstruktur von Silben. Man kann sich das als die Notenschrift der Melodie einer Silbe vorstellen. Wenn also die selbe Silbe unterschiedlich ausgesprochen wird, gibt es dafür unterschiedliche grafische Zeichen. Manche der grafischen Zeichen haben aber auch eine inhaltliche Bedeutung und wenn es darum geht, ein Fremdwort aufzuschreiben, wird das schon mal als Lautmalerei verwendet. Daher das Sprichwort: „Das kommt mir chinesisch vor.“

Reine Silbenschriften sind etwas einfacher. Jedes Zeichen hat eine phonetische Entsprechung, ist also die Aufzeichnung von zusammenhängenden Lauten, die einen bestimmten Sinn hat. Silbenschriften bilden eine bestimmte Sprache ab und haben in der Regel so um die 100 Zeichen. Kurioserweise gibt es Inschriften, bei denen sich die einzelnen Silben mehrfach wiederholen. Die demotische Schrift auf dem obengenannte Rosettastein soll dafür ein Beispiel sein. Wird das gelesen wie es dasteht, hört es sich wie Stottern an. Das erinnert mich an Indien: Wenn man da zu erkennen gibt, dass im Redefluss etwas untergegangen ist, kommt dasselbe zweimal hinter einander und doppelt so schnell wie vorher.

Vor etwa 3.000 Jahren kamen im Vorderen Orient die ersten Alphabete auf. Das faszinierende an Alphabeten ist folgendes: Sie zeichnen Laute auf, die an sich keinen Sinn haben und sich deshalb für die Fixierung einer beliebigen Sprache eignen. Man kann von rechts nach links oder umgekehrt schreiben. Die einen schreiben die Vokale mit und die anderen lassen sie weg und brauchen Schriftgelehrte. Die streiten sich dann, wo welche Vokale zu stehen haben und warum. Davon abgesehen haben wir es mit einer doppelten Abstraktion zu tun: ein – an und für sich – sinnloser Laut wird mit einem – an und für sich – sinnlosen Zeichen widergegeben.

Das Alphabet, seine Verwendung zum Schreiben, ist vermutlich die wichtigste Kulturtechnik der westlichen Zivilisation. Was uns meistens dabei entgeht ist der Effekt, den Marshall McLuhan so beschreibt: „Wir formen unsere Werkzeuge, und dann formen die Werkzeuge uns.“

McLuhan ist der Begründer der Medientheorie und ist mit einer zunächst unverständlichen Aussage bekannt geworden: „Das Medium ist die Botschaft.“ Seine Thesen laufen darauf hinaus, dass das jeweilige Kommunikationsmedium, bzw. die diesem Medium zu Grunde liegende Kulturtechnik, das Denken und die Wahrnehmung des Menschen verändert. Der Inhalt sei zwar offensichtlich, was aber das Medium mit uns macht, bemerken wir nicht.

Betrachten wir also das spezielle Werkzeug Alphabet. Laut McLuhan führt –  z.B. das Lesen von Büchern – zu einer Trennung von Denken und Handeln. Heute erleben wir es nur wenn Kinder lesen lernen, was im Mittelalter in Klöstern noch normal war: laut buchstabierend zu lesen. Die damaligen Leser mussten alle noch hören was sie lasen, um es zu verstehen. Heute halten wir stilles Lesen für die Norm. Die Wahrnehmung beim Lesen verengt sich vom akustisch-visuellen zum rein visuellen. Das Bewusstsein verabschiedet sich von der realen Umwelt, taucht ein in die Gedankenwelt, trennt sich in hier Handeln, dort Denken.

In einer Zeit, in der die meisten Menschen Analphabeten waren oder in einer oralen Kultur lebten, galt ein Gedanke wie eine Handlung. Im religiösen Umfeldern herrscht ja immer noch die Auffassung, dass in Gedanken gesündigt werden kann. Wenn also manche Pilze der Sammlerin zum Gefühl des Fliegens verhalfen, hatte das in einem Prozess der Inquisition fatale Folgen, obwohl kaum jemand den Flug zum Blocksberg tatsächlich gesehen haben konnte.

Heute und im weltlichen Strafrecht kommt es darauf an, was man tut, nicht was man denkt. Es macht höchstens einen Unterschied, was man sich gedacht hat, bevor und während man eine Tat begeht – sofern es herauskommt. Das bringt uns dazu, dass Denken und Handeln unterschiedliche Konsequenzen haben. Solange ich mir nur überlege, was ich einem missliebigen Mitmenschen antue: zwar Sünde, aber kein reales Problem. Wenn ich mit der Bratpfanne zuschlage: Sünde plus reale Konsequenzen.

Damit wären wir wieder beim Schreiben: Hinschreiben kann man alles, allerdings bringt uns der Vorgang des Schreibens – und des Lesen – in eine andere Welt. Dort herrschen andere Gesetzmäßigkeiten. Konsequenzen in der realen Welt sind zunächst nicht zu befürchten. Wir können unser Gedanken erforschen, sie verlangsamen, ihnen Struktur geben. Aber wir haben keine Rückkopplung zur Realität, was im Kopf so schlüssig scheint, hat nicht notwendigerweise eine Entsprechung in der materiellen Welt. Rückschlüsse finden statt, die auf Gedanken aufbauen und diese wieder auf andere. Es können Spiralen entstehen, die sich weiter und weiter in den imaginären Raum hinein von der Realität entfernen.

Ist es Zufall, dass René Descartes sein „Ich denke, also bin ich.“ rund 200 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks, der breiten Verfügbarkeit von Lesematerial, formuliert hat? Wenn McLuhan recht haben sollte, dann hat die Menschheit diese Zeit dazu genutzt, die Realität soweit von der Gedankenwelt abzuspalten, dass Descartes sich der Existenz des Individuums nur noch sicher fühlte, soweit das Denken betroffen ist. Wo ist nur alles andere geblieben? Dabei wollte Descartes in seiner Schrift eigentlich etwas anderes. Nämlich die Existenz Gottes und der unsterblichen Seele beweisen.

So ist das also mit dem Schreiben und dem Lesen. Wir machen uns auf einen Weg und landen Gott weiß wo. Im Buch „Herr der Ringe“ sinniert Bilbo Beutlin über die Gefährlichkeit des Weges vor seiner Haustüre. Wenn er auch nur einen Fuß daraufsetzt, so meint er, könne es dazu führen, dass er sich irgendwann ganz weit weg wiederfinde. Weit weg von zuhause.

 

 

 

Der Bücherwurm

Man sagt mir nach ich sei ein Bücherwurm, wer es gut mit mir meint, nennt das „bibliophil“. Klingt weniger anzüglich, sagt aber im Wesentlichen dasselbe.

Das ist umso verwunderlicher, weil meine Eltern nicht unbedingt als Bildungsbürger durchgegangen wären. In der Gegend und Zeit aus der sie stammten war nach vier oder fünf Jahren die Schulkarriere in der Regel abgeschlossen. Jedenfalls für die Normalsterblichen und unabhängig davon, was sie tatsächlich an Anlagen mitbrachten. Bücher oder – Gott bewahre – Romane wurden in dieser Zeit dort als Teufelszeug betrachtet. Der Konsens war, dass man durch Bücher auf dumme Gedanken kommen konnte. Oder etwa anfing Fragen zu stellen, sich womöglich Dinge zu wünschen, die nicht für einen bestimmt waren. Es war die Zeit, in welcher der Begriff „Herrschaftswissen“ noch sehr, sehr wörtlich zu nehmen war. Aber meine Eltern waren irgendwie anders. Zum einem packten sie ihre Sachen und verließen ihre Heimat, zum anderen gab es bei uns immer Zeitungen, Zeitschriften und Bücher im Haushalt. In den Jahren nach dem Krieg war das nicht selbstverständlich, denn Druckerzeugnisse hatten einen weit höheren Stellenwert als heute. Sie waren seltener und sie kosteten richtig Geld. Mag sein, dass dies auch durch den Inhalt gerechtfertigt war – jedenfalls geht mir das zuweilen bei der Lektüre heutiger Werke durch den Kopf.

Kaum konnte ich lesen, pflügte ich durch die Leihbüchereien von Pfarrei und Stadt. Ich las was mir in die Finger kam, mit einer Schlagseite hin zu Sachbüchern und Lexika. Geschichten in denen Technik und Zukunft vorkam waren auch gut, Jules Verne oder Isaac Asimov zum Beispiel. Später im Beruf war ich oft der einzige, der – aus Gewohnheit – die Bedienungsanleitungen las, was dazu führte, dass meine technischen Fähigkeiten regelmäßig überschätzt wurden. Karl May hingegen fand ich schon immer langatmig, vor allen die Stellen wo es um Gott, Moral und die Welt an und für sich geht. Etwas verstört hat mich Haruki Murakami – aber der ist jetzt wirklich ein Thema für sich. Adler, Freud und C.G. Jung fand ich interessant, auch Gustave LeBon, Edward Bernays oder Daniel Kahnemann haben mir ein paar Lichter aufgesteckt.

Einmal, im Haus einer Psychologin, stand ich beindruckt vor der Bücherwand. Diese war in einem offenen Treppenhaus angebracht und reichte vom Erdgeschoss über das Obergeschoss bis unter das Dach. Abertausende von Büchern. Das Wassermann-Zeitalter war angebrochen und viele, die sich mit Psychologie befassten, hatten sich auf den Weg in ferne Gedankenwelten gemacht. Manchmal sogar physisch bis nach Indien und Kalifornien. Das Thema war Bewusstseinserweiterung, zuweilen mit etwas zum Einnehmen, manchmal mit aberwitzigen Körperübungen oder warmen Wasser, gerne auch glühende Kohlen und hin und wieder alles zusammen. Da erzählte also die Psychologin, ein indischer Yogi mit beeindruckender Aura und der Fähigkeit zu levitieren hätte eben dort vor dieser Bücherwand gestanden und sie unvermittelt gefragt: „Was suchst Du eigentlich?“

Ich war etwas perplex, denn bis dahin hatte ich das Lesen nicht als Suche nach irgendetwas aufgefasst. Ich las aus Gewohnheit, einfach so, weil ich es konnte. Manchmal weil ich es wissen wollte und manchmal, weil es notwendig war. Aber suchen? Dann erlebte ich diesen seltsamen Moment wo ich irgendein persönliches Problem hatte, ich weiß noch nicht einmal mehr, worum es ging. Was mich aber wie ein Hammerschlag traf war, dass ich mich Zeitungslesend wiederfand und mich wunderte, dass dort nichts über mein spezielles Problem stand. In dem Augenblick wurde mir die ganze Absurdität dieses unbewussten Umgangs mit geschriebenen oder gedruckten Worten deutlich. Danach war das Lesen nicht mehr das, was es vorher war, es hatte die Unbekümmertheit verloren.

Heute gibt es eine Flut von Ratgebern. Manchmal bekomme ich so richtig Lust, mir das Problem zuzulegen, um aus der angebotenen Lösung Nutzen ziehen zu können. Manche dieser Bücher befassen sich mit praktischen Themen, sagen wir Goldfische züchten. Manche befassen sich mit der Selbstoptimierung, wie wir schlank, schön und reich werden. Manche befassen sich damit, ob die Welt überhaupt existiert, ob es einen Gott gibt und falls ja, was er sich so gedacht hat und wozu uns das verpflichtet. Gerade letztere Bücher haben mitunter erstaunliche Folgen für die Leser und ihre Umwelt. Da erhält das geschriebene bzw. gedruckte Wort die Macht zurück, die es in früheren Zeiten hatte. Es ist mehr als eine Sicht der Dinge, es wird zur Überzeugung, zur absoluten Wahrheit und bald danach buchstäblich zum Totschlagargument.

Die andere Geschichte, die mir dazu einfällt ist diese: In Indien werden Elefanten als Arbeitstiere gehalten. Sie sind groß, sie sind stark und so ein kleiner Mensch ist eigentlich kein Gegner. Nach der Arbeit sollen die Elefanten nicht weglaufen, sondern dortbleiben, wo man sie am nächsten Tag wiederfinden möchte. Hohe Mauern und starke Ketten fallen einem zu einem großen und mächtigen Tier ein. Aber so wird das nicht gemacht. Der Elefant wird Zeit seines Lebens mit einer dünnen Schnur an einen kleinen Pflock angeleint. Sobald er den Widerstand an seinem Bein spürt, geht der Elefant nicht weiter. Er scheint zu denken, dass er es nicht kann, weil er es als kleiner Elefant nicht konnte. Jetzt ist er ein großes, starkes Tier und bleibt in einem kleinen Kreis um diesen lächerlichen kleinen Pflock herum. Diese dünne Schnur, nichts als eine Gewohnheit, definiert seinen Horizont.

Was suche ich denn heute in Büchern? Nun ja, meistens sind es keine Bücher mehr, jedenfalls nicht in der physischen Form. Und dann: zum einen lese ich nicht mehr alles was mir vor die Augen kommt. Zum anderen lese ich schon mal quer oder beende die Lektüre vorzeitig. Manche Texte erweitern den Horizont. Manchmal findet sich Nützliches, etwas, wonach ich nicht gesucht hatte – es gibt sogar ein Wort dafür: Serendipität. Diese Bücher und Texte sind das Gegenteil von jener Schnur mit dem kleinen Pflock. Aber ich bleibe wachsam. Damit nicht irgendwelche Elefantentreiber ihren Horizont doch noch zu meinem machen.

Stille

Nach dem Mittag war die Hitze am größten. Der Himmel hatte dieses tiefe Blau, dass es nur hier und nur im August gab. Die Hügel waren grün und satt.

Die steinernen Häuser der Weiler sind in geschlossenen Ringen gebaut. Nach außen trutzig, hohe Natursteinmauern mit kleinen vergitterten Gucklöchern. Nach innen weiß verputzte Wände, Höfe zu denen sich Fenster und Balkone öffnen. Draußen sind die Felder, drinnen die Gärten und Ställe. Kühe, Hühner, Hasen, Hunde zu ebener Erde, Wirtschaftsräume und darüber die Schlafräume der Menschen. Zwischen den Gebäuden ist der Hof mit Reben überwachsen, aus deren Trauben der herbe Wein der Bauern gekeltert wird. Der steinerne Trog des Brunnens auf einer Seite des Hofes ist eine Insel der Kühle in der wabernden Hitze.

Nach dem Mittagessen zogen sich die Menschen in die abgedunkelten Schlafzimmer zurück. Sie waren von der Arbeit, dem kräftigen Essen und dem Wein schwer. Zu dieser Stunde lag unter der Hitze der ganze Weiler menschenleer.

Die Erwachsenen hatten den kleinen Jungen auch ins Bett geschickt. Wenn Du nicht schlafen kannst, dann ruhe Dich aus, hatte es geheißen. Doch der Junge hatte bald gelernt, dass, auch wenn er ins Bett geschickt wurde, er dort ja nicht bleiben musste. Er musste nur ganz leise sein.

Der Balkon verband die Zimmer im Obergeschoss des langgestreckten Gebäudes. Es gab das Schlafzimmer der Eltern, die der Kinder und einige Räume, die nicht bewohnt waren. Dort waren hinter verstaubten Fenstern überzählige Möbel und Vorräte gelagert. Jeder Raum hatte seinen eigenen Geruch. Hier eine Mischung aus Bohnerwachs und Mottenpulver, dort der Geruch von Seife, ganz hinten über dem Kuhstall der Geruch von Heu. Dort war sein Lieblingsplatz. Da schlich er hin, setzte sich auf ein Schemelchen, lehnte sich an die warme Mauer und lauschte.

Wenn er in den Azur des Himmels schaute war es, als würde sich sein Körper darin auflösen. Es fühlte sich an, als würde er die Schichten der Stille durchdringen. Zu nächst die Abwesenheit von Menschengeräusch. Dann das leise Glucksen der Hühner. Hin und wieder ein leises Klirren der Ketten am Futtertrog von den Kühen. Der Flügelschlag einer Taube. Das Summen der Fliegen.

Und dahinter hörte er – die Stille.

Wallfahrtsort

Ein alter Pilgerweg windet sich über den Apennin, die „Via Francigena“. Dieser Pilgerweg führte auch am Monte Amiata vorbei. Dort, im Kloster San Salvatore, im Jahr 876 taucht erstmals dieser Name in einem Pergament auf. Dieser Weg heißt so, weil er von Frankreich kommt, aber es gibt Vermutungen, dass eigentlich Canterbury in England der Ausgangspunkt ist. Wenn man das Wort „Pilgerweg“ hört, denkt man irgendwie an einen Feldweg oder jedenfalls etwas Schmales, auf dem man zu Fuß unterwegs ist. Aber das ist nicht die einzige Fehleinschätzung. Pilgerwege haben so etwas wie ein Einzugsgebiet und manchmal bilden sich darin Orte erhöhter Anziehungskraft, die dem Pilgerweg eine Kurve aufzwingen.

Assisi lag nicht direkt auf unserer Route, aber die Anziehungskraft kann enorm sein und mein letzter Besuch lag immerhin 30 Jahre zurück. Vor 30 Jahren lebten wir im „New Age“. Das Wassermann-Zeitalter war noch frisch und natürlich gab es einen spirituellen Kontext für jenen Besuch. Drei Tage und Nächte hatte ich in einer toskanischen Höhle zugebracht. Es ging um die Erleuchtung und Assisi lag ganz in der Nähe. In dieser Verfassung lag nichts näher, als die Wirkstätte jenes Heiligen aufzusuchen, der wie kein anderer in diese Zeit zu passen schien. Zurück zur Natur und so.

Aber weiter mit dieser Geschichte hier, es geht um Assisi. Dieser Wallfahrtsort ist seit 800 Jahren untrennbar mit dem Traum eines jungen Mannes verbunden. Er wurde Franziskus gerufen und er war, auf seine Weise, der konsequenteste Mensch, den man sich vorstellen kann.

Es fing relativ harmlos an. Er riss sich auf dem Hauptplatz die Kleider vom Leib, weil er sich von seinem Vater nichts mehr sagen lassen wollte und rannte nackt aus der Stadt. Es war, genau genommen, eine öffentliche Gerichtsverhandlung vor dem Rathaus und es ging um Geld. Franziskus hatte es den Armen gegeben, aber es war das Geld seines Vaters. Ihm ging es um den Traum sein Leben bedingungslos der Gefolgschaft Jesu zu weihen. Seinem Vater ging es um sein Geld. Franziskus hat danach ein Leben geführt, den meisten von uns so fern wie der Mond. Man schrieb das Jahr 1207, da war er 25, neunzehn Jahre später war er tot. Zwei Jahre danach wurde er heiliggesprochen.

Wenn man auf dem Vorplatz der Basilika steht, sieht man eine Stele und ein kleines Holzboot. Die Stele erinnert an das Schicksal der Armenier vor 100 Jahren und das Boot an die Überfahrt von 9 Menschen von Libyen nach Lampedusa. Auf der Grünfläche wird durch eine Hecke das Wort „Pax“ gebildet. Zu seinen Lebzeiten kümmerte sich Franziskus um die Armen und Kranken, baute eigenhändig verfallene Kapellen auf. Er zog Gleichgesinnte an und legte den Grundstein eines Ordens. Absicht kann letzteres nicht gewesen sein, denn er träumte vom einfachen Leben.

Die Versuchung ist groß, sich dem frommen Taumel hinzugeben. Man kann Menschen sehen, die echte Anliegen haben, von denen sie an diesen Ort geführt wurden. Es gibt Blicke voller Hoffnung, unbeschreibliche Sehnsucht nach jenem Wunder, das sie aus aussichtslos empfundener Lage befreit. Wer nicht an Wunder glaubt, findet Anlass sich zu wundern.

Hin geschmiegt an die Seite des Berges überblickt der Ort das Tal. Dort unten macht sich die alte Rivalin Perugia breit. Kriege haben sie geführt gegeneinander, Franziskus selbst hatte als junger Patrizier von Assisi dort im Kerker gesessen, bis er von der Familie ausgelöst wurde. Weiter den Berg hinauf gibt es eine Einsiedelei, in die er sich später zurückzog, dem Trubel um seine Person zu entfliehen. Heute haben wir da eine Art Themenpark mit Bronzefiguren des Heiligen und seiner Gefährten. Als Franziskus im Ruf der Heiligkeit starb, versteckten sie seinen Leichnam, aus Furcht, er könnte von den alten Feinden geraubt werden. Reliquien waren eine gute Geschäftsgrundlage, Wallfahrten die damals übliche Form des Massentourismus.

Überhaupt, eine wilde Zeit. Papst Innozenz III. ruft 1204 den 4. Kreuzzug aus. Auf Kreuzfahrt gingen damals nicht geschmacklos gekleidete Touristen, sondern schwerbewaffnete Krieger mit unklaren Zielen. Selbst Franziskus machte sich, von seiner reichen Familie prunkvoll gerüstet, auf den Weg ins Heilige Land. Das war vor jenem Streit mit seinem Vater. In Süditalien erkrankte er und hatte einen Traum. Träume waren für die Menschen damals eindeutige Botschaften aus dem geistigen Bereichen, so real wie nur irgendetwas. Franziskus jedenfalls kehrte um. Hätte er es nicht getan, wäre heute alles anders. Niemand hätte über ihn geschrieben, es gäbe keine Basilika, die seinen Namen trägt und Assisi … hätte vielleicht einen anderen Träumer gefunden, wer weiß das schon.

Der Heerführer, dem sich Franziskus anschließen wollte, hatte Streit mit einem lokalen Fürsten. Die Situation eskalierte und am Ende waren bewusster Heerführer samt seinen Rittern tot.  Abgesehen davon geriet der ganze Kreuzzug auf Abwege.  Das kam so: die Venezianer stellten ihre Schiffe für die Überfahrt ins Heilige Land zur Verfügung.  Aber sie hatten noch eine Rechnung mit dem christlichen Konstantinopel offen. Da dachten sie, wir haben hier eine Ladung wilder Männer an Bord, denen ist es egal, wo sie Beute machen. Die Venezianer hatten ihre Kunden richtig eingeschätzt. Hinterher war Byzanz verwüstet und in Venedig entstand eine Kopie der Hagia Sophia. Mit den originalen Zutaten aus Konstantinopel, zum Beispiel den berühmten Pferden aus Bronze. Wer schon immer fand, dass die Markuskirche einen byzantinischen Einschlag hat – das ist die Geschichte dazu.

Aber zurück zu Franziskus: 1212 machte er sich als Mönch auf den Weg und gelangte im zweiten Anlauf tatsächlich ins Heilige Land. Dass er und seine Gefährten, obwohl völlig wehrlos, heil durch die Reihen der „Heiden“ gelangten, das war der Stoff vieler Legenden, nach seinem Tod aufgeschrieben, heute noch in Liedern besungen. Auf seiner dritten Reise um das Jahr 1219 sieht er die Schlachtfelder von Damiette und ihm dämmert, dass dies nicht der Weg sein kann, die Botschaft eines liebenden Gottes zu verbreiten.

Die wohl größte Tragik seiner Geschichte ergibt sich daraus, dass die damalige Kirche der Sehnsucht der Gläubigen, dem Bedürfnis nach Spiritualität nichts zu bieten hatte. Während die Amtsträger in abgehobener Theologie und Politik, Luxus und Laster verfangen waren, wandten sich die Gläubigen ab. Die Katharer und Waldenser waren jene, die den gleichen Traum wir Franziskus hatten. Ihnen ging es um die gelebte Gefolgschaft Jesus Christi. Ihnen wandten sich die Gläubigen zu, wurden als Ketzer abgestempelt und verbrannt. Franziskus und seine Anhänger blieben unbehelligt. Er selbst wurde offizieller Heiliger jener Kirche, die andere mit den gleichen Träumen verbrannte. Ein frühes Wunder?

Während seines ganzen Lebens hatte  ein Mann Franziskus im Auge, der aus einer mächtigen Adelsfamilie aus Perugia stammte und seine Hand über in hielt. Er hieß Ugolino dei Conti di Segni, war Kardinal und wurde Papst Gregor IX. – eben derjenige, der ihn seligsprach. Er war auch jener, der die Bruderschaft in einen Orden konstituierte und in die Kirche einband. Ein paar Jahre nach Franziskus Tod spielte der Orden eine bedeutende Rolle bei der Inquisition, teilweise sogar in den eigenen Reihen. Spätestens da konnte man sagen, dass der revolutionäre Traum des Franziskus gezähmt worden war.

Die Entwicklung hatte sich schon in den letzten Jahren von Franziskus angebahnt. Mehr und mehr war er abgeschottet worden, sein geschwächter Körper machte ihn von der Hilfe seiner Gefährten abhängig. Aber sein Traum hat ihn selbst nie verlassen. Was im wirklich am Herzen lag, was die Essenz seines Traumes war, ließ er blind und krank kurz vor seinem Tod aufschreiben.

Es ist der Sonnengesang.

 

Assisi, 2016

Realität und andere Kleinigkeiten

Neulich bin ich über einen Artikel in einer großen Tageszeitung gestolpert, die damit wirbt, nur kluge Köpfe würden dahinter stecken. Worum es ging ist – wir werden es gleich sehen – nicht so wichtig, ich dachte nur, ich würde mich mit dem behandelten Thema auskennen. Was Darstellung, Wahrnehmung und Realität betrifft, bin ich eigentlich nicht besonders naiv – vermutlich liegt das am Alter. Trotzdem kann ich mich bei der Lektüre mancher Artikel kaum gegen Zweifel wehren, ob nicht etwa ich derjenige bin, der völlig daneben liegt. Aber hey, da stecken kluge Köpfe dahinter. Sind das jetzt eigentlich die Zeitungsmacher oder die Leser? Und was genau machen die da, hinter der Zeitung?

Meine letzte Zuflucht in solchen Fällen ist ein Kalauer aus dem Buch „Per Anhalter durch die Galaxie“ von Douglas Adams. Es handelt überraschender Weise von einem Reiseführer durch die Galaxie. Auf dem Umschlag des Reiseführers, so steht dort, ist zur Beruhigung der Leser die Aufschrift angebracht: „Keine Panik!“. Die Redaktion des Reiseführers soll auf Beschwerden von Reisenden über unzutreffende Information wie folgt eingehen: „Die Realität ist häufig ungenau. Maßgeblich sind die Angaben im Reiseführer.“

Wie fast immer haben es die Yogis und Weisen aus dem fernen Osten schon immer gewusst. Die sieben Schleier der Maya – diese Existenz – ist nichts als Illusion, auch wenn mir das angeschlagene Schienbein noch so weh tut. Realität ist Wahrnehmung plus Emotion und daher leider so beliebig wie sonst was. Jeder hat seine eigene Wahrnehmung, die Realität in der er lebt: nichts als eine Einflüsterung unserer Sinne und des Hormonhaushaltes – von ein paar nebensächlichen Tatsachen einmal abgesehen. Wer inneren und äußeren Frieden, gar die Freiheit sucht, sollte das im Auge behalten.

Ich sitze hier, mein Blick schweift über die sonnenbeschienene Riva Schiavoni und vor mir auf dem Tischchen steht der Campari zum Preis der schönen Aussicht. Klar, die Yogis haben Recht. Aber was mache ich, wenn ich statt der Spitze des Glockenturms von San Marco auf – sagen wir – ein Minarett in Fallujah sehen würde? Fallujah liegt etwa 70 km westlich von Bagdad und ist seit babylonischer Zeit besiedeltes Gebiet, eine Stadt mit etwa 200 Moscheen – und Schauplatz unzähliger Gefechte und Gräueltaten, jetzt gerade auch. Wer, warum, wann und weshalb – was spielt das für eine Rolle? Wenn ich da leben würde, wäre das einfach nur Pech gewesen? Steht mir in einer solchen Umgebung auch der Weg frei, mir meine Realität zu schaffen, den inneren Frieden zu finden? Spielt das eine Rolle für mich oder ist mein Sitzen in Venedig und mein Wissen über Falludjah nur Teil derselben Illusion – einer, in der neben der Schönheit auch das Wissen um Schreckliches enthalten ist? Lebt ein Mensch im Irak dann nur eine Illusion, in der die Kanäle von Venedig eben nicht vorkommen und sie deshalb auch nicht vermisst werden?

An anderer Stelle steht geschrieben, dass die Illusion sich nicht von der Realität unterscheidet. Was ich da verstehe ist: das Schienbein tut weh, weil es ein Schienbein ist und das Hindernis hart ist. Die Illusion kommt an der Stelle ins Spiel, wenn ich eine Meinung dazu habe, wenn ich Erklärungen dazu abgebe, warum das gerade mir, hier und jetzt passiert. Wenn der Schmerz eben nur der Schmerz und nichts anderes ist, dann habe ich eine Chance der Illusion ein Schnippchen zu schlagen. So oder so kann der Rat aber nur lauten: meide Hindernisse in Schienbeinhöhe, ganz gleich welche Meinung Du dazu hast. Alles andere gibt blaue Flecken.

Was hat dies nun mit inneren Frieden zu tun in einer Welt, die alles andere als friedlich ist? Wo geht es hier zur Freiheit? Die blauen Flecken sind der Schlüssel. Die Yogis sagen, friedlich und frei wirst Du dann, wenn Du die blauen Flecken blaue Flecken sein lässt, nach vorne schaust und tust was im Augenblick das Beste für Dich ist. Die Vergangenheit ist vorbei und wenn Du Dich selbst beschimpfst oder Dich am Hindernis rächst, dann haben die blauen Flecken Deine Zukunft geformt. Du aber wirst glauben, Du hättest eine Entscheidung getroffen, seist Täter, Opfer oder irgendwas dazwischen und genau das ist die Illusion. Deine ganz private, ausbaufähige Illusion. Wir nennen es unsere Realität. Keine Panik bitte.

Venedig, Oktober 2015

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